Historie

Ein Traum aus Schutt und Asche

Die alten Schwarzweißaufnahmen auf dem Schreibtisch zeigen einen Trümmerhaufen, Schutt, entblößte Eisenträger, eine Ruine, die der Krieg zurückgelassen hat. Den Tanzpalast, der hier gestanden hat, kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen, und nun sollte ein Kino auf den Überresten errichtet werden, aus dem Nichts also, und das zwei Jahre nach Kriegsende. Zement war Mangelware, und überhaupt, wer brauchte schon Kinos? Erst kommt das Fressen, dann die Moral, wer hatte denn Zeit für Zelluloidträume? Die Idee, ein Kino zu bauen, mußte also von einem Träumer stammen, einem Phantasten. Von wegen.

Walter Jonigkeit ist ein waschechter Berliner, und Berliner sind keine Träumer, die sind pragmatisch und pfiffig. Außerdem war Jonigkeit schon damals, 1947, ein erfahrener und erfolgreicher Kinobetreiber, der wußte, was die Leute wollen, nämlich Filme sehen. Zwei Jahre später war es fertig, Berlins derzeit größtes und modernstes Uraufführungstheater.

Die Rede ist vom Delphi – Filmpalast am Zoo, der am 3.November 1999 fünfzig Jahre wird. Ein Tusch, bitte, Fanfaren, und über allem ein azurblauer Cinemascopehimmel, an dem wenigstens heute keine Wolken zu sehen sind. Ein runder Geburtstag. Zeit also für einen Blick zurück und einen Besuch bei dem Mann, ohne den es das DELPHI nicht gäbe und bestimmt auch nicht so alt geworden wäre. Walter Jonigkeit sitzt noch heute täglich in seinem Büro. Als wir eintreten, kommt er uns sofort entgegen, hochgewachsen, das Haar voll und schneeweiß, die Stimme bemerkenswert kräftig.

Eigentlich möchte man sich, bevor es ums Kino geht, nach seinem Geheimnis erkundigen, denn Herr Jonigkeit ist über neunzig. Fragen dieser Art pflegt er mit verschmitzt blinzelnden Augen eher geheimnisvoll zu beantworten:Chinesischer Tee. Die Antwort macht ihm Spaß. Wir trinken Mineralwasser, das seine Frau reicht, die im Büro nebenan arbeitet.Indessen bereitet Herr Jonigkeit seine liebevoll gesammelten Photos und Programmhefte aus.

Er ist einer, der das Metier von der Pike auf gelernt hat. 1925 hat er bei Trianon-Film angefangen und alles gemacht: Buchhaltung, Kasse, Vertrieb, Reklame, Disposition und Produktion.1932 erwarb er sein erstes Kino. Es war die Kamera unter den Linden, eines der ersten Repertoirefilmtheater in Deutschland überhaupt, das seine Filme in Programmheften ankündigte, auf die Wünsche der Zuschauer einging und auch alte Filme wieder spielte. Kurz: Die Kamera war Berlins erstes Off-Kino! Man sah ihr die elegante Vergangenheit als Bar an: Das Interieur bestand aus ausgelegten Teppichen, rotem Plüsch, bemalten Kristallspiegelwänden ringsum und einer Wurlitzerorgel, auf deren Spiel die Leute warteten. Jonigkeit wußte diese Pracht mit Geschick und Hingabe zu verwalten und lancieren. Auf dem Heimweg von der Friedrichstraße nach Schmargendorf verteilte er eifrig in der S-Bahn die entwerteten Eintrittskarten, auf denen gut sichtbar der Name seines Kinos zu lesen war – eine ebenso clevere wie preiswerte PR-Aktion. In der ersten Etage etablierte er den Klub der Kamerafreunde, eine Art Zwischenhimmel, in dem das Publikum seinen Kinogöttern begegnen konnte, den größten Schauspielern jener Zeit: Emil Jannings, Werner Krauss, Marianne Hoppe, die hier feierten und Autogramme gaben, dem brummigen Heinrich George, der mit einer Flasche Hennessy auf dem Tisch einen wunderbaren Abend verbringen konnte – alle waren sie da und trugen sich in das Goldene Buch der Kamera ein. Einmal in Fahrt, konnte es schon mal vorkommen, daß Jannings gutgelaunt die Türen des Kinos öffnete und die Zuschauer begrüßte, die Hoppe dann die Plätze anwies und Schokolade verkaufte. Kino verkehrt.

Die Fans werden entzückt gewesen sein. Später, unter den Nazis, wurde der Klub geschlossen:”So was wollen wir nicht!” Besser mußte man damals seine Verbote nicht begründen. Und natürlich versuchten die Machthaber auch ihre politisch wertvollen Filme ins Programm zu pressen, Durchhaltepropaganda, die jedoch niemand sehen wollte.

Trotzdem blieb die Kamera erfolgreich, bot Extramatineen und Filme in der Originalfassung, zudem konnte nicht jeder unliebsame Film verhindert werden. Bis 1943 wurde der Spielbetrieb fortgesetzt, dann schlugen Bomben ein, das Kino brannte aus. Nach dem Krieg stellte Jonigkeit einen Antrag auf Wiedergutmachung, der jedoch abschlägig beschieden wurde:”Sie haben doch die Kurbel! Jetzt sind erstmal die anderen dran…” Heute steht dort ein Erweiterungsbau der russischen Botschaft.

Kino nach dem Krieg

Die Kurbel in der Giesebrechtstraße hatte er 1937 übernommen. Auch hier brannte es während des Krieges. Jonigkeit mußte persönlich Hand anlegen. Die Feuerwehr war unterbesetzt, man drückte ihm eine Spritze in die Hand, und abwechselnd mit einem Freund löschte er das Feuer und rettete sein Kino. Als der Krieg zu Ende ist, wird entrümpelt. Das große Aufräumen beginnt. Buchstäblich. Jonigkeit schleppt Panzerfäuste und SS-Uniformen aus dem Kino und macht alles sauber.

Nach dem Marmorhaus war die Kurbel das zweite Berliner Kino, das nach dem Krieg öffnete. Die Leute konnten kommen. Und sie kamen. Sogar, um russische Filme zu sehen, Propagandastreifen, die keine Miete kosten. Im Original! “Ich bin mit dem Fahrrad immer nach Lichtenberg gefahren”, erzählt er, “um mir selbst die Filme zu holen. Da war ein Zigarrengeschäft, davor stand ein Russe, der hat mir die Kopie hingepackt, dann bin ich zurück, und die Leute standen schon immer und warteten. Ein russischer Film in russischer Sprache! Aber sie wollten das sehen. Die waren raus aus den Kellern und wollten mal was anderes sehen!” Später, nach der Aufteilung in Sektoren, gab es dann englische und auch wieder alte deutsche Filme. Es war die Zeit der wilden Geschäfte. Zeitweilig agierte Jonigkeit als Bote für die Engländer, die Zigaretten lieferten und von den Russen dafür goldene Schmucksachen erhielten. Zigaretten waren natürlich überhaupt die Währung der Stunde Null. Für Zigaretten kam man auch ins Kino, und Kino war wichtig wie Brot, etwas Glanz und Zauber jenseits der Trümmer und Ruinen. Und wenn die Heizung nicht funktionierte, brachten die Leute von zuhause aufgewärmte Steine mit und legten ihre Füße drauf.

Dann der Knüller. Vom Winde verweht läuft zwei Jahre und vier Monate in der Kurbel. Die Leute stehen fünfhundert Meter die Straße runter. In der Straßenbahn ruft der Schaffner: “Ku’damm, Ecke Giesebrechtstraße, Vom Winde verweht – aussteigen!” Drei Vorstellungen am Tag: “Ein dolles Geschäft”, erinnert sich Jonigkeit. Mehr verdiente er allerdings noch, der Pfiffige, an der Seitenlinie. Für fünfzig Pfennige verkaufte er selbstgemachte Programmhefte, die ihn nichts kosteten, bei so vielen Zuschauern natürlich ein Riesengeschäft. Und das war gut so. Denn die Verleihmiete seines Kassenschlagers betrug 70%, eine Million Mark rechnete er für die Amerikaner ab. Klar, daß die ihn sehen wollten. MGM lud ein, und Jonigkeit wurde herumgereicht, traf auch Bekannte aus Berlin, die hier nicht mehr Heinz hießen, sondern Henry.

Man gab ihm jede Menge Kofferreklame mit, Publicitymaterial für Filme, die er unbedingt spielen sollte, denn hier war offensichtlich ein Mann, dem alles zum Erfolg gerann.

Der Delphi – Palast

In den dreißiger und vierziger Jahren war der DELPHI-Palast eines der beliebtesten Tanzlokale Berlins. “Es ist alles da”, schreibt Curt Moreck in seinem Führer durch das ‘lasterhafte Berlin’, “was eine verwöhnte Großstadtmenschheit über die Langeweile einer Nacht hinwegführen kann”. Nämlich die Tanzorchester von Paul Godwin und Ilja Livschakow zum Beispiel.

Mit Teddy Stauffer und seinen Original Teddies entwickelt sich das Haus sogar zum “Swing – Mekka an der Kantstraße”. Und nicht nur die Nacht kann lasterhaft verbracht werden, auch der Tag – mit Tanztee und bei schönem Wetter mit Tanz im herrlichen Naturgarten”. Auf alten Photos steht das Gebäude schlicht und eindrucksvoll von der Straße zurückgesetzt neben dem Theater des Westens (sicher auch in dessen Schatten), das vor über hundert Jahren vom selben Architekten, Bernhard Sehring, erbaut worden war. Zwischen üppigen Pflanzen stehen im Vorgarten dichtgedrängt die Tische, im Hintergrund ist die ‘Kaisertreppe’ zu sehen. Säulen flankieren den Eingang zur Kantstraße, darüber der Namenszug: DELPHI. Man bekommt glatt Lust hineinzuspazieren, sich auf einen der Stühle zu setzen und auf die Nacht zu warten. Wenn’s sein muß auch bei Tanz und Tee.Doch im Gegensatz zum Theater nebenan wurde der DELPHI-Palast im Krieg böse beschädigt. Er brannte aus, das Dach stürzte ein, und nur vom unteren Raum blieben die nackten Wände stehen.Jeden Morgen kam Ernst Reuter, auf dem Weg zur Bürgermeisterei in der Fasanenstraße, an den Trümmern des ehemaligen Tanzpalastes vorbei, auf die Walter Jonigkeit sein neues Kino stellen wollte. Jonigkeit kannte den Sohn des Bürgermeisters. Edzard, der im selben Hockeyclub, bei den Zehlendorfer Wespen, spielte (Jonigkeit übrigens bis in die achtziger Jahre hinein. Chinesischer Tee!). Der Bürgermeister also fragte irgendwann: “Na, Junge, watt brauchste denn?” Antwort: Alles! Reuter half mit Zement und Steinen, und Jonigkeit konnte den alten Palast in vereinfachter Form wiederherstellen lassen. Säulen, Putten, jegliche Form von Schmuck und Verzierung wurde weggelassen und, weil es keine Möglichkeit gab, alles abzutransportieren, im Vorgarten vergraben; bei Bauarbeiten 40 Jahre später kamen die Zierfiguren und Fassadenteile wieder zum Vorschein. 1949, nach zweijähriger Bauzeit, ist es soweit: Premiere. Bei der Aufführung von Lord Nelsons letzte Liebe mit Laurence Olivier und Vivien Leigh in den Hauptrollen sind die Repräsentanten der englischen Besatzungsmacht anwesend. Das DELPHI ist zu dieser Zeit einmalig in Berlin, es hat die größte Leinwand und die modernste technische Ausrüstung, und mit seinen über tausend Plätzen gilt es auch deutschlandweit als unübertroffen.

Das hohe technische Niveau war Jonigkeit immer wichtig, deshalb war er stets darauf bedacht, die Ausstattung auf den neuesten Stand zu bringen. 1952 zeigte das DELPHI als erstes Kino eine pausenlose 3D-Vorführung.

1955 wurde es auf Cinemascope umgerüstet und vier Jahre später mit der ersten Todd-AO – Leinwand ausgestattet. Außerdem ist es eines der wenigen Kinos, in denen die klassischen 70mm-Filme gezeigt werden können.In diesen ersten Jahren übernimmt Jonigkeit zeitweilig noch andere Kinos: die Astoria-Lichtspiele in Reinickendorf, die Victoria-Lichtspiele in Schöneberg. in der Hasenheide die Neue Welt, wo er Sonntagvormittags Boxkämpfe und abends Kintopp zeigt, und zwischen 1956 und 1959 das Freilichtkino in der Waldbühne. Er hat zu tun. Deshalb muß er auch viele Angebote, die von den verschiedensten Seiten an ihn herangetragen werden, ablehnen. Irgendwann Ende der Fünfziger offeriert ihm die Erbengemeinschaft, der das DELPHI gehört (denn Jonigkeit ist ausschließlich Pächter und Betreiber), Haus und Grundstück. Doch gerade eröffnet er Kinos in Hamburg und München. Jonigkeit ist allein, hat Schulden und möchte sich nicht übernehmen. Er winkt ab.

Das Laufzeitwunder

Wie ein Zauberer muß Jonigkeit auf die Leute damals wirken, ein Kinomagier im Wirtschaftswunderland. Sein Erfolg spricht sich herum, seltsame Leute wollen daran teilhaben: Jonigkeit erhält einen Brief, indem er, der Erfolgreiche, aufgefordert wird, eine größere Summe Geld in einem Papierkorb zu hinterlegen. Zweimal trägt er unter den Augen der Polizei ein Bündel mit wertlosem Papier in die Nähe des Bahnhofs Zoo bis der Erpresser gefasst werden kann. Nachbarn werden hellhörig: Der Aktieninhaber des Kempinski will ihn mit ins Geschäft ziehen. Jonigkeit wehrt ab: Vom Hotelbetrieb habe er doch keine Ahnung! Aber das spiele doch keine Rolle, dafür habe man doch Leute! Man würde ein gutes Geschäft machen… Ein anders Mal kommt ein Architekt zu ihm, der ein spezielles Rohrgerüst erfunden hat. Doch ihm fehlt das Geld, das Patent anzumelden. Jonigkeit soll helfen, fünfzig fünfzig wolle man die zu erwartenden Gewinne aufteilen. Auch jetzt lehnt er ab. Er muß sich um seine Kinos kümmern.

Von allen Kinos bleibt das DELPHI sein Lieblingskino. An dem hängt er “wie an einem Kind, das ich großgezogen habe.” Von Anfang an verläßt er sich nicht allein auf die Zugkraft der Filme. Als Sportler weiß er, daß man das ganze Spielfeld überblicken muß und im Idealfall jede Position beherrscht. Also muß alles stimmen, die Technik, die Sitze, das Personal. Für die Posten als Platzanweiserin kommen nur die hübschesten Mädchen in Frage, deren Kleidung selbstverständlich maßgeschneidert wird, und am Eingang empfängt die Zuschauer ein Hüne in Livree, umgeben von zwei Knirpsen, die wie Pagen aussehen. Das hat Stil. Lord Nelson ist noch ein Film, der schwer anläuft. Doch dann geht es los. In den nächsten fünfzehn Jahren muß Jonigkeit oft nur einen Film pro Jahr buchen, und das in einer Zeit, in der eine eher schnelle Abspielfolge üblich ist. Legendäre Laufzeiten: Lawrence von Arabien 36 Wochen, Porgy und Bess 33 Wochen, Ben Hur 50 Wochen, schließlich My Fair Lady 52 Wochen – Zahlen, die heutigen Kinobetreibern wahrscheinlich die Tränen in die Augen treiben. Und auch jetzt hat er nichts dem Zufall überlassen. Abends sucht er die Berliner Cafes und Tanzlokale auf und besticht die Kapellen mit zwanzig Mark, damit sie den berühmten River Kwai Marsch spielen, immer wieder: 41 Wochen läuft. Die Brücke am Kwai im DELPHI… Eine besonders gemeine Idee hat Jonigkeit angesichts der Bilder von Lawrence von Arabien. Der Film ist ziemlich lang und wird irgendwann für eine Pause unterbrochen. Eben noch ruhten die Blicke der Zuschauer auf endlosem Wüstensand und flirrender Sonne, da erscheint ihnen plötzlich ein Bier, ein frisches Bier, das vor lauter Kälte ganz beschlagen ist. Keine Fata Morgana – Werbung. In der anschließenden Pause kamen die Mädchen am Getränkestand sicherlich kaum mit dem Einschenken nach. Logisch, daß die 2. Internationalen Filmfestspiele 1952 im DELPHI stattfinden. Es gibt keinen besseren Ort.

1954 ist Jonigkeit Mitglied der Jury. Photos aus dieser Zeit zeigen Jonigkeit neben William Holden und James Steward. Ein Hauch von Hollywood an der Kantstraße. Gala-Premieren, rote Teppiche, große Stars. Große Zeiten…Damit ist es Mitte der sechziger Jahre erst einmal vorbei. Mit dem Fernsehen kommt die Flaute.Doktor Schiwago will kaum noch jemand im Delphi sehen. Und am Ku’damm und am Tauentzien wächst mächtige Konkurrenz heran. Seit 1957 schon gibt es den Zoopalast und nun im Europacenter den Royal-Palast. Deren Betreibergesellschaften erhalten den Zugriff auf die großen, neuen Filme und beherrschen die Szene. Als in den Siebzigern die Kinos verschachtelt werden, bietet sich den Verleihern eine flexible Auswertungsmöglichkeit für ihre Filme, die nun einfach im Haus von Kino zu Kino durchgereicht und erst, wenn sie kräftig gemolken sind, an andere Kinos weitergegeben werden. Das unabhängige Einzelhaus DELPHI bleibt dabei auf der Strecke – unmöglich, an attraktive Erstaufführungen zu kommen, und das in einer Zeit, in der die Zuschauerzahlen sowieso schon rückläufig sind. Was tun?

Das Nackte Überleben

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre werden pseudowissenschaftlich aufgemachte Sexfilmchen populär, harmlose Streifen, die aus der Prüderie der Fünfziger und der darauf folgenden “sexuellen Befreiung” der Sechziger hölzern und spekulativ, allerdings wenig spektakulär, Kapital schlagen wollen. Und damit Erfolg haben. Meilensteine des Genres entstehen in dieser Zeit: Der Schulmädchen – Report gerät gar zur Reihe. Das DELPHI zeigt Klassiker dieser etwas anderen Art, unter anderem die Aufklärungslegende Die Technik der körperlichen Liebe. Die geneigten Besucher müssen allerdings im eigens gegründeten Klub Mitglied werden, in der Kurbel gar sitzen Männer und Frauen getrennt, man kann ja nie wissen. Die Filme erfreuen sich zunächst großer Beliebtheit, und das nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den einschlägigen Testgremien, die das heikle Material kritisch zu prüfen haben: Man rückt in Kompaniestärke an, mit dem Ergebnis, daß in einem Münchner Kino zwei Vorführungen notwendig sind, um allen Testern die Gelegenheit zu geben, sich ein Urteil über die kitzeligen Kunstwerke zu bilden. Ein anderer bizarrer Streifen, der für Furore sorgt, ist Africa Addio, ein italienischer Skandalfilm aus der umstrittenen Mondo-Serie, der allerlei Unappetitliches und Brutales dokumentarisch aufbereitet und spekulativ und zynisch verramscht und im Astor, wo er zunächst läuft, für Krawalle sorgt. Im DELPHI ist man vorbereitet und hat schon Maßnahmen getroffen: Im Publikum sitzen Polizisten in Zivil. Jonigkeit ist diese Entwicklung etwas peinlich. “Man wagte ja gar nicht zu sagen, das man ein Kino hat.” In diesen Jahren verläßt er das Haus gern durch den Hinterausgang. Doch er hält und stützt damit das DELPHI, während um ihn herum das große Kinosterben weitergeht. Wenn es darum geht, sein Kind zu retten, darf man in der Wahl seiner Mittel nicht pingelig sein…

Die Sorgen ums DELPHI werden nicht kleiner. Schon 1964 hat das Bezirksamt Charlottenburg das Grundstück erworben, von eben jener Erbengemeinschaft, die es zunächst Jonigkeit angeboten hatte (und er erinnert sich noch wie die Erben, die mit Ostgeld ausbezahlt wurden, die ganze Nacht in seinem Büro saßen und das Geld zählten – der Kurs stand damals 4 zu 1). Jetzt, 1972 läuft sein 25jähriger Pachtvertrag aus.

Plötzlich blühen wilde Pläne. Man überlegt, ob man aus dem Kino nicht ein Spielkasino machen sollte. Oder ein Hotel. Oder ein Revuetheater. Oder die Probebühne des benachbarten Theater des Westens. Auch die wildesten Pläne müssen reifen, also gewährt man Jonigkeit nur noch kurzfristige Verträge, Mitunter lediglich Halbjahresverträge, damit man ihn jederzeit rauswerfen kann. Das Schicksal des DELPHI ist in dieser Zeit völlig ungewiß. Man kann nicht investieren und keine lukrativen Filmabschlüsse tätigen, eine langfristige Planung ist unmöglich.

Quo Vadis? – Wo geht’s hier in die Achtziger Jahre?

In diesen sehr problematischen Jahren besinnt sich Jonigkeit auf seine alten Erfolge und wiederholt die Klassiker. Natürlich passen die Sandalenfilme nicht mehr in die Zeit. Wer geht in den Siebzigern schon ins Kino, um Ben Hur oder Cleopatra zu sehen? Doch er bleibt hartnäckig und kämpft. schließlich ist er auch mit der Taubenplage fertig geworden. Tauben im DELPHI! Doch plötzlich flatterten sie, jede Aufmerksamkeit auf sich ziehend, durch das Licht des Projektors. Immer wieder fanden sie den Weg durch irgendwelche Schächte und Kanäle, irritierten die Zuschauer und verärgerten Jonigkeit. Schließlich besorgt sich der Verzweifelte eine Schrotflinte und trifft sogar eine Taube. (Ob die anderen Tauben daraufhin vor Schreck das Weite suchten, konnte nicht näher in Erfahrung gebracht werden.)

1980 wendet sich das Blatt. Der Kultursenator ist auf der Suche nach einem landeseigenen Großkino, das sich zum Festspielhaus eignet. Das DELPHI wird wiederentdeckt. Im folgenden Jahr findet hier das Forum des jungen Films der internationalen Festspiele statt. Ein kleiner Schritt, die Zukunft des DELPHI zu sichern, ist damit getan.Allerdings war vorher zu hören, das der Besitzer eines anderen Festspielhauses, dem Zoopalast, Interesse am Haus bekundet. Auch hörte man,daß der Senat nicht abgeneigt ist.

Schon macht sich der Kinoriese mit einem Architekten auf den Weg zum DELPHI. Vorher hat er telephonisch sichergestellt, daß Herr und Frau Jonigkeit, die er kennt, sich nicht im Hause aufhalten. Doch wer kommt ihm da schon im Foyer entgegen: Herr Jonigkeit, der längst informiert ist und nun höflich grüßt. Eine etwas peinliche Situation. Die Besitzergreifung des DELPHI durch den`Marktführer´Zoopalast empört auch die OFF-Kino-Betreiber. Sie solidarisieren sich gegen die geplante Übernahme, tragen den Konflikt in die Medien und organisieren einen Streik. Am 15. Dezember 1980 bleiben ihre Programmkinos geschlossen, statt dessen findet im DELPHI eine Riesenparty statt. Tausende von Gästen drängeln sich durch das Haus, Musik tobt von der Bühne, irgendwann ist die Bar leergetrunken, hoffentlich bricht der Rang nicht ein… Und der Zoo-Palast-Eigentümer sieht sich durch den Protest schließlich veranlaßt, von seinen Plänen Abstand zu nehmen. Wieder eine Hürde genommen…Auch Wim Wenders wird auf das Haus aufmerksam. Im DELPHI, seinem erklärten `Lieblingskino´läßt er 1982 seinen Film Der Stand der Dinge laufen. Eine gründliche Programmwende für das Kino, so gründlich, daß der Film erfolglos bleibt. Noch immer ist das DELPHI ein Synonym für Sandalenkino und auch nicht im Tagesprogramm der Stadtmagazine vertreten. Der Wendersfilm wird hier schlicht nicht erwartet und läuft am Zielpuplikum vorbei. Irgendetwas mußte passieren. Der Sprung von den Sechzigern in die Achtziger mußte endlich vollzogen werden. Immer wieder bedroht, immer wieder erfolgreich. 1984 springt man. Mit Georg Kloster und Claus Boje findet Walter Jonigkeit jüngere Partner. Das Programm wird reformiert. Zunächst leistet man sich noch einmal den Blick zurück auf erstklassige Filme, die es wieder zu entdecken gilt. Nach dem Motto `Große Filme auf der großen Leinwand´führt man All about Eve, Der Leopard und Eins, Zwei, Drei erfolgreich wieder auf. Und Wilders Coca-Cola-Komödie schlägt richtig ein: 43 Wochen Spielzeit, das schließt an die guten, alten Zeiten an – gerettet! Noch nicht ganz.

Ausgerechnet jetzt liegt die Kündigung auf dem Tisch. Man wendet sich an den damaligen Kultursenator Volker Hassemer. Und der ist der erste Politiker, der das Potential des DELPHI erkennt.Das Haus, multifunktional, beherbergt schon seit langem eine rege Kulturszene, in den Kellerräumen die Vagantenbühne und den Jazz-Club Quasimodo. Hassemer zeigt Gespür für die Situation an der Kantstraße und sichert mit einem langfristigen Pachtvertrag endlich die Zukunft des Hauses. Das Internationale Forum des jungen Films wird im DELPHI etabliert, für einige Jahre auch das Berliner Jazzfest. Im Saal werden die ersten sieben Reihen (ca. 170 Plätze) mit einer riesigen Bühne überbaut, die fortan dem Theater des Westens als Probebühne dient – ein Kompromiß, den der Kinospielbetrieb aushält. Jetzt kann das DELPHI-Kino endlich planen. Der Saal wird, samt neuer Bestuhlung und Wandbespannung, renoviert und die Technik wieder auf den neusten Stand gebracht (neue 70-mm-Anlage, Dolby-Stereo-Ton etc.).Apropos Bestuhlung. Schöne Geschichte. Die Delphi-Crew ist auf der Suche nach geeigneten Stühlen für ihr Kino.

Keinesfalls möchte man Schaumstoffsitze, die neue Bestuhlung soll ganz dem Charakter des Hauses entsprechen. Zu dieser Zeit kommt es im nahen Schiller-Theater zum Intendantenwechsel. Vorher noch hat der alte Intendant seine Stühle aufarbeiten und mit einem neuen Stoff beziehen lassen, der allerdings nicht den Vorstellungen seines Nachfolgers entspricht. Die Stühle sollen raus. Die Delphi-Crew versucht daraufhin die Stühle zu erwerben, doch ihre Bemühungen laufen ins Leere. Denn mittlerweile herrscht in der Öffentlichkeit eine aufgeregte Debatte.

Steuergelder würden hier verpulvert, heißt es. Also mußte die Bestuhlung leise, leise aus dem Blickfeld des Berliner Publikums verschwinden.

Eines Tages meldete sich eine kleine westdeutsche Bestuhlungsfirma im DELPHI.”Wir haben hier genau das richtige für Sie” Die Schiller-Theater-Bestuhlung war wieder aufgetaucht.

Das Kino ist eine Baustelle

Im Herbst 1986 gibt der damalige Bausenator bei einem Presserundgang bekannt, der Senat plane das gesamte Haus von Grund auf zu renovieren.

Vorher hatte der Regierende am DELPHI vorbeigeschaut. Ein Schandfleck, befand Diepgen. Die 750-Jahr-Feier stand bevor. Es mußte also sofort etwas geschehen. Tatsächlich beginnt man im Mai ‘87 mit einleitenden baulichen Maßnahmen. Der Baugrund soll untersucht werden. Man findet einiges: Skelette in Wehrmachtsuniform, Stiefel und Stahlhelme, eine Panzerfaust, ein Pferdeskelett und die erwähnten Zierfiguren und Säulen des alten Tanzpalastes. Und ein Problem taucht auf: der Grundwasserpegel ist unerwartet hoch angestiegen. Man vertagt sich also erst einmal.

Vor der Feier seien die Arbeiten nicht zu bewältigen, heißt es, gleich danach soll es aber weitergehen. Es geht nicht weiter: “Nach der Feier kamen Wahlen, kam Herr Momper, kam Herr Diepgen” Herr Jonigkeit schüttelt bei der Erinnerung amüsiert den Kopf. Es passierte nichts. Man hatte alle Hände voll zu tun mit der Wiedervereinigung. Das DELPHI – Gelände lag brach.

Aufbruch ins neue Jahrhundert

Vor dem Fenster herrscht Baulärm. Die Fassade wird renoviert und die alte Kaisertreppe zum Theater des Westens wieder aufgebaut. Der Vorplatz ist bereits fertig. Bald braucht es keine alten Photos mehr, um vergangenen äußeren Glanz heraufzubeschwören – es ist alles wieder da. Der Spielbetrieb lief sowieso weiter. Seit 25 Jahren behauptet sich das DELPHI als eines der erfolgreichsten Filmkunst-Kinos Deutschlands.

Die neuen Filme von Woody Allen, Robert Altman, Wayne Wang,Detlev Buck, Jane Campion, Emir Kustorica, James Ivory, Jim Jarmusch, David Lynch, Quentin Tarantino, Tom Twyker und Wim Wenders laufen hier im DELPHI. Doch man setzt nicht nur auf bereits etablierte Namen.Das DELPHI ist eines der wenigen großen Häuser, das nicht den bequemen Weg der sicheren Siege nimmt, sondern immer wieder Wagnisse eingeht. Der Überraschungs-Erfolg – so Georg Kloster – macht am meisten Spaß, der Film, an den vorab wenige glauben und der dann im ‘großen’ DELPHI zum Erfolg wird.

In Zeiten der Multiplexe und der IMAX-Gigantomanie, im bunten, betäubenden und manchmal etwas eintönigen Amüsierbetrieb bleibt das DELPHI auf der Höhe der Zeit und erinnert zugleich an die großen Zeiten des Kinos, als der Gang ins Kino noch Ereignis war und den Eintritt in eine glamouröse Welt versprach, die man sonst nirgendwo fand. Wer hätte das angesichts der Trümmer damals gedacht.

Am 25.12.2009 verstarb der Gründer und Miteigentümer Walter Jonigkeit im Alter von 102 Jahren. Seine Geschäftspartner werden den Betrieb, wie bisher auch schon, in gewohnter Weise weiter fortführen.